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Auf Einladung der Quickborner Liberalen hielt die Jungliberale Anneke Behrens am 12. Mai 2006 im Sporthotel Quickborn einen Vortrag mit dem Titel „Die Erwartungen der jungen Generation an (liberale) Politik und Politiker“.
Während der gut besuchten Veranstaltung erläuterte sie ihre Sicht, warum Teile der jungen Generation das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Politiker verloren hätten: „Es fehlt an Mut und Ehrlichkeit.“
In der sich anschließenden Diskussion wurde der Bogen vom Generationenvertrag für die Rentenzahlung bis zu Mängeln in der Ausbildung gespannt. Deutschland könne seinen Wohlstand als Exportnation hochwertiger Technologie nur bewahren, wenn genügend gut ausgebildete Fachleute vorhanden seien, so die Meinung vieler Besucher. Alle waren sich einig, dass ohne einen Strukturwandel insbesondere auf dem Gebiet der Sozial- und Ausbildungspolitik der jetzige Lebensstandard nicht gehalten werden könne.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich habe vor fünf Wochen ganz optimistisch zugesagt, diese Rede über die „Erwartungen der jungen Generation an liberale Politik und Politiker“ hier zu halten.
Bis heute war es noch lange hin, mein schriftliches Abitur lag noch vor mir. Alles danach war sowieso noch ganz weit weg! Vor einer Woche klangen unsere Feiern dann so langsam aus und ich wollte mich eifrig ins Gefecht der Vorbereitungen stürzen. Tja, da kam ich ein wenig ins Stocken! Vor so vielen Leuten reden, wovon die meisten wahrscheinlich mehr Ahnung von Politik haben als ich, dann muss man ja auch was Ordentliches erzählen.
In meiner Verzweiflung habe mich erst mal mit unglaublich vielen schlauen Büchern umgeben, bis ich zu dem Fazit gekommen bin: Das, was junge Menschen von der Politik erwarten, kann doch gar nicht so kompliziert sein!
Ich und damit die „Junge Generation“, für die ich spreche, erwarte von der Politik vor allem Gradlinigkeit, Mut zu wirklichen Reformen und den Willen diese umzusetzen, dies würde Politik dann wesentlich glaubhafter erscheinen lassen.
Politik und Politiker dürfen nicht den Anschein erwecken, dass sie meilenweit von der Realität entfernt sind! Schon jedes Schulkind wird „Kopf stehen“, wenn es heißt, dass eben dieses „Kopf stehen“ ab August plötzlich doch wieder zusammengeschrieben wird! Ohne diese Gradlinigkeit verlieren junge Menschen womöglich schon in der Grundschule das Vertrauen. Womit wir bei einem weiteren elementaren Punkt wären: Ehrlichkeit!
Junge Menschen wollen und müssen das Gefühl haben, Politiker beim Wort nehmen zu können! Ziele alleine sind keine Politik, der Clou ist, das zu erreichen, was man sich ausdenkt und den Bürgern vorschlägt!
Wenn Norbert Blüm 1986 verspricht: „Die Rente ist sicher“, dann hat er doch gelogen! Oder ist die Definition einer Lüge in der Politik anders als im Kinderzimmer?
„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht!“ Das ist fest in jedem verankert: Also lieber Mut zur Ehrlichkeit!
An die hier anwesenden Politiker: Antworten sie auch mal mit Ja oder Nein!
Geben Sie sich Mühe verständlich zu sein und zeigen Sie, dass Sie sich für die Menschen, für die Sie Politik machen, interessieren. Oft fühle ich mich einfach nicht angesprochen.
Die Politik ist da oben und ich stehe hier. Dabei ist Politik doch etwas, was mich und jeden Menschen in Deutschland betrifft. Warum hören also so wenige Jugendliche zu und finden Politik todlangweilig?
Ich bin überzeugt davon, dass das nicht daran liegt, dass der allgemeine Wille geschwunden ist, sich gesellschaftlich einzubringen.
Wenn das Vertrauen jedoch gebrochen ist, das Verständnis fehlt, weil Politiker in ihren eigenen „Gedankenghettos“ leben, dann fehlt auch der Jugend der Mut, sich in dieses unsichere Wirrwarr zu vertiefen. Auch Meinung braucht Mut!
Mut entsteht durch Selbstvertrauen und durch die Überzeugung von der Sache, für die man mutig sein will. Wenn man nun aber die Dinge erst gar nicht versteht oder nicht an sie glauben kann, dann wird man nicht das nötige Selbstvertrauen haben, die scheinbar tausend Stufen, die die Politik vom Menschen entfernt ist, in Angriff zu nehmen.
Die Welt hat sich sehr geändert, es wird Zeit, ihr zu folgen und mutige Schritte nach vorn zu gehen!
Für eine mutige Politik, braucht man auch eine mutige Bevölkerung, die allerdings nach dem Chaos des Alltags keine Kraft mehr hat, Risiken einzugehen.
Sie sehen, überall mangelt es an Mut!
Fangen Sie damit an, leben Sie es vor, denn nur so wird sich auch bei uns Jungen eine Dynamik und ein positiver Schaffensdrang entwickeln, der darauf abzielt, unsere Zukunft optimistisch in die Hand zu nehmen.
Um das persönliche Bestreben zu entwickeln, sich für etwas zu engagieren, muss es einem am Herzen liegen. Die Identifikation mit unserem Land fehlt bei vielen und insbesondere auch bei uns jungen Deutschen.
Viele fühlen sich einfach nicht als Teil des Staates und das kann nicht ausschließlich an irgendwelchen sozialen Lasten liegen.
Ich war vor zwei Jahren für zwei Monate in Brasilien und das, was mich am meisten beeindruckt hat, war wirklich der Stolz, den die Brasilianer für ihr Land empfinden. Der vereint die ganze Nation dort!
Auch in den Favelas, also in den Armenvierteln, sieht man überall die Flagge dieses Landes hängen. Ich fand das bewundernswert! Die Menschen dort glauben an ihr Land, fühlen sich als ihr Land, sind ihr Land!
In Deutschland haben viele der junge Menschen die Einstellung: Na ja, wenn's hier bergab geht, dann geh ich halt weg! Daran sieht man deutlich, wie wenig wir uns mit unserem Land identifizieren.
Doch wen verwundert es, dass man als junger Mensch davor zurückschreckt, sich mit etwas zu identifizieren, von dem uns in den Medien und durch die allgemeine Stimmung vermittelt wird, dass es unserer Generation und den Folgenden alle Lasten aufdrückt?
Dieses pessimistische Denken versperrt den Weg für breites Engagement, da vielen von vornherein der Optimismus und das Selbstvertrauen für das Engagement genommen werden.
Wir brauchen mehr Identifikation, dass sozusagen der natürliche Selbsterhaltungstrieb und Überlebenswille einsetzt und der Wille zum Mitwirken an Veränderung entsteht.
Weg von einer Meckerkultur, hin zu Eigeninitiative ganz nach dem Motto: „Es ist nicht unsere Schuld, wenn Deutschland ist, wie es ist, es ist nur unsere Schuld, wenn es so bleibt!“
Lassen Sie Deutschland wieder zu einem Land der Optimisten werden!
Es stimmt nicht, dass wir Jugendliche Aussteiger mit einer Null-Bock-Mentalität sind!
Ich glaube an die Ziele und Werte, die liberale Politik anstrebt und vermittelt.
Überzeugt und das erste Mal konfrontiert wurde ich letztes Jahr auf der Klausurtagung unserer Dithmarscher Julis in Mözen!
Ich habe jetzt mal den Mut zur Ehrlichkeit und sage Ihnen, wie die FDP vorher auf mich wirkte: Wie eine kühlschrankartige, egoistische Lobby-Partei der Starken!
Deshalb glaube ich, dass die FDP-Politiker, also die Liberalen, wesentlich mehr Emotionen ausstrahlen sollten. Dadurch muss vermittelt werden, dass liberale Politik nicht bedeutet, dass die Menschen einander egal werden!
Ich glaube, dass das liberale Menschenbild eines der höchsten überhaupt ist. Es setzt auf Freiheit in Verantwortung. Diese Freiheit braucht positive Werte.
Freiheit strengt an, weil sich eben jeder für die Ergebnisse seiner Freiheit selber rechtfertigen muss, aber bietet auch die größten individuellen Chancen.
Aber meiner Meinung nach sollte man sich darüber bewusst sein, dass es auch immer Menschen geben wird, denen alleine mit Freiheit nicht geholfen ist.
Ich habe eine gehörlose Schwester. Sie ist sicher einer dieser Fälle, in dem Eigenverantwortung allein nicht greift. Für sie würde Freiheit in Orientierungslosigkeit enden.
Um solche Menschen und ihre Familien, aber auch andere Leute von einer liberalen Einstellung zu überzeugen, muss man vor allem den Aspekt betonen, dass Liberalismus sozial verpflichtet.
Man muss aber auch merken, dass Sie es so meinen, vorleben und eben auch ausstrahlen!
Außerdem wünsche ich mir, dass die jetzt regierende Generation mehr Verantwortung für die folgenden übernimmt. Es wird zwar viel darüber geredet, dass es so mit der Rente nicht weitergehen kann und man hört vor allem die Großeltern über die Kürzungen hier und da schimpfen, aber wer denkt dabei an uns?
Die Lasten der demographischen Entwicklung sollten fair auf die Generationen verteilt werden! Um uns noch aufrichtig und ohne schlechtes Gewissen in die Augen gucken zu können, müssen Sie heute Reformen angehen!
Mit kosmetischen Korrekturen allein ist es nicht getan, wir brauchen ein generelles Umdenken!
Deutschland ist laut einer aktuellen Umfrage, das Land der größten Pessimisten, wenn es um ihre Altersversorgung geht! Das Schlimme daran ist, diesmal haben sie Recht!
Frühere Generationen haben auf unsere Kosten gelebt!
Ich bin letztens zufällig auf eine Internetseite gestoßen, auf der eine Schuldenuhr tickt! Ich war total sprachlos! Deutschland hat 1500 Milliarden Euro Schulden, das sind 1,5 Billionen Euro und jede Sekunde kommen 2000 Euro dazu!
So eine Verschuldung macht Schließungen der Lücken in der Rentenkasse, die ja immer nötiger werden, unmöglich.
Wo ist da die Gerechtigkeit des Generationsvertrags?
Hat vielleicht irgendwer von uns das Kleingedruckte überlesen?
Trotzdem wollen wir optimistisch bleiben! Machen Sie es einfach dadurch wieder gut, dass Sie uns helfen, uns selbst zu helfen. Schaffen Sie nicht nur die besten Voraussetzungen für eine private Altersvorsorge, sorgen Sie dafür, dass sie umgesetzt werden!
Natürlich wäre auch eine wesentlich höhere Geburtenrate eine Lösung. Aber gerade durch den Zwang, durch diese gesellschaftliche Kälte, liegt die Geburtenrate im Moment wohl nur bei 1,36 Kindern pro Frau. Ich finde es allerdings schlimm, die Familie immer nur unter dem ökonomischen Aspekt zu sehen. Wer kriegt denn Kinder um dadurch heroisch das Rentensystem zu retten? Dieses Argument stellt sich allen Werten und Wünschen entgegen, mit denen man sich nach Nachwuchs sehnt: Nähe, Liebe, Familienidylle!
Aber doch nicht als wirtschaftliche Zukunftsabsicherung, wie andere in Immobilien investieren! Natürlich sind Kinder wichtig, auch für das Weiterbestehen des Generationenvertrags.
Aber natürlich hat „die moderne Frau von heute“ Alternativen, um ihren Lebensinhalt zu gestalten. Niemand braucht sich die Illusion machen, dass Karriere ein Kind ersetzt. Aber helfen tut es bestimmt auf jeden Fall! Und wenn diese Frauen die Gesellschaft als zu kühl erleben, dass die Wärme eines Kindes nicht hineinzupassen scheint, dann darf Ihnen niemand einen Vorwurf machen!
Es wäre falsch, die Frau wieder an den Herd zwingen zu wollen! Vielmehr sollte man die gesellschaftliche Atmosphäre ändern!
Dazu gehört auch das moderne Familienbild, die moderne Frau zu akzeptieren und zu unterstützen. Die moderne Familie sind unter Umständen nur noch Mutter und Kind oder aber auch Vater und Kind. Das ist eine traurige Entwicklung, aber Fakt! Aber auch diesen Müttern und Vätern sollte die Chance gegeben werden, Beruf und Familie vereinbaren zu können.
Die Zustände in unserer Gesellschaft haben sich geändert, jetzt müssen sich auch die Werte und der äußere Rahmen ändern.
Als ich mich vor kurzem mit einer Freundin unterhalten habe, weil mich die Statistik zu der niedrigen Geburtenrate so geschockt hat, hat sich in ihr sehr schön die Zukunft gespiegelt!
Ich werde diesen Dialog mal kurz nachstellen:
Ich: Meinst du nicht, dass du später mal Kinder kriegen willst?
Sie: kommt drauf an …
Ich: Wovon hängt das denn ab? Na ja, einen Mann brauchst du natürlich, aber ansonsten?
Sie: Ach, Quatsch, Hauptsache das passt mit meinem Beruf, wenn ich ein Kind will, dann bekomme ich ein Kind, ob mit oder ohne Mann!
Daraus lässt sich schließen: Sarah meint, man brauche keine Männer zum Kinderkriegen! Nein, im Ernst, das ist die Zukunft!
Das klassische Familienbild stirbt aus! Was man davon hält, ob man der Idylle nachtrauert oder die Emanzipation begrüßt, ist eine persönliche Frage. Aber ändern lässt sich das nicht! Also muss man versuchen, eine neue Idylle für die Zukunft zu definieren und möglich zu machen!
Auf den Punkt gebracht erwartet die junge Generation von der Politik und damit von vielen von Ihnen vor allem Mut!
… aber vor allem Mut zu einem zukunftsorientierten Denken und Handeln, das uns – der jungen Generation – gleichberechtigte Chancen auf ein gesichertes Leben eingesteht!
Ich habe jetzt ungefähr eine viertel Stunde geredet: Das heißt nur in dieser Zeit: 1,8 Millionen Euro Neuverschuldung!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Anmerkung: Anneke Behrens hielt diesen Vortrag bereits schon einmal am 26.03.2006 während des Festaktes zum 60-jährigen Bestehen der FDP Schleswig-Holstein in Neumünster.
Datum: 24. Mai 2006 | Autor: Hans Bihl
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